TRE TORRI

Fragile, leicht geneigte Türme aus morschen Holzlatten und glatt geschlagenen Regenrinnen stehen auf einmal im Atelier. Die Zeit hat auf dem Holz und Blech Spuren hinterlassen. Vom Regen und Wind ist das Material abgetragen, abgenutzt, aufgebrochen – über Jahrzehnte bearbeitet worden.

Für den Film zu den TRE TORRI setzt Giulio Camagni sein verwittertes Objekt-Trio ausgerechnet in eine endlose Landschaft dem Wetter aus, das diesen Erosionsprozess – die Zerstörung der Oberfläche – vorantreibt. Ein zusätzlicher Rahmen mit weißem, flatterndem Segel, dessen Rhythmus vom wütenden Wind bestimmt wird und dabei die voranschreitende Zeit andeutet, kommt hinzu. Sowohl diese von der Wucht des Windes ausgelösten Bewegungen des Stoffes als auch die der sich ineinander schiebenden, konturlosen Wolkenflächen heben die Statik der Türme besonders hervor. Der harte Schlag des Windes betont wie die Musik – eine Improvisation mit Klavier und Santur – die geräuschlose Präsenz der TRE TORRI an diesem verlassenen Ort.

Das nowhere, ein bräunlicher Erdstreifen – verblichenes Gras – unter einem weißgrauen Himmelsstreifen – Licht durchsprenkelte Wolken. Die beiden Flächen werden von nur einer Linie durchbrochen, dem Horizont mit vereinzelten, verschwommenen, nicht klar definierbaren Baumgruppen, einem gerade noch erkennbaren blattlosen Baum und einem Hochsitz in der Ferne.

Ist diese spannungsreiche Dreierkonstellation eine archaische Begegnung in der Wüste? Vielmehr erscheinen die TRE TORRI als erschöpfte Figuren, als ausgeleerte Körper, als Hüllen, in denen Leben einst gewesen, das längst entschwunden ist. Skeletten gleich umfassen und somit erfassen sie die Leere in sich, die erst sichtbar wird, wenn sie eingegrenzt ist. Wie brüchige, beschädigte Totems, Megalithen oder Gedenksteine führen die TRE TORRI mit ihren Spalten, Rissen und Löchern die eigene Vergänglichkeit vor. Verschiedene Zeitebenen kommen hier zum Ausdruck: Camagni nimmt Bezug auf die naive Sehnsucht, das menschliche Bestreben mithilfe von Denkmälern Sterblichkeit zu überwinden, robuste Steine für die Ewigkeit zu schaffen, kehrt jedoch dabei diesen Ansatz um: Das von ihm gewählte zerstörbare, zerbrechliche Material seiner Objekte stellt den Verfall, in letzter Konsequenz den Tod dar. Gerade inmitten eines solchen Zersetzungsvorganges gelingt es ihm durch den leer gebliebenen Innenraum der Türme, durch das Vakuum die Zeit- und Endlosigkeit einzufangen und knüpft somit an den tradierten Anspruch auf Ewigkeit an, den er mit den TRE TORRI neu dekliniert.

Indem Giulio Camagni für diese räumliche Installation „arme“, gewöhnliche, dem Alltag entnommene Materialien – Regenrinnen, Holzbretter, Rahmen herumliegender Fenster – verwendet und zu einer Material-Assemblage zusammenfügt, greift er Stilmittel der Arte Povera auf. Das matériel trouvé stammt aus dem geografischen Dreieck Florenz, Rimini und Città di Castello, einer meditativen und zugleich starken Landschaft. Deren Farben und Poetik prägten maßgeblich Camagni und durchziehen Werke von Giotto, über Piero della Francesca bis hin zu Alberto Burri, die wiederum den Künstler der TRE TORRI beeinflussten.

Camagnis Malerei hat sich mit dieser Installation eine zusätzliche Dimension erschlossen und dabei ihre räumliche Umsetzung und Entsprechung gefunden: derselbe horizontal aufgeteilte Raum, Landschaftsraum, die vorwiegend horizontal (lediglich nach den Prinzipien Horizontale und Vertikale) angeordneten Holzbretter und Blechstücke, dieselbe Abstufung der Naturfarben der Elemente Himmel und Erde – Weißgrau und Braun – und durch die Wahl des Materials dieselbe unebene, angegriffene Oberfläche, welche die Struktur einer monochromen Farbfläche aufreißt und tiefere, unbekannte Schichten offen legt, so dass man in eine der Zeit enthobene Dimension vorzudringen vermag.
2010, Christine Velan